Warum es den professionellen Barockmusiker bald nicht mehr geben wird
(von Leonard Bartussek, in: Concerto Nr. 252, November/Dezember 2013)

Dazu ein Leserbrief von Ingo Negwer, in: Concerto Nr. 253, Januar/Februar 2014


Nach wie vor wird der ausübende Musiker sowohl in der konventionellen Klassik-Szene als auch in der nicht mehr ganz so alternativen „Alten Musik“, aus einer realitätsfernen Perspektive betrachtet. Dies gilt vor allem für die Ausbildung an den Musikhochschulen und Konservatorien, aber ebenso für den durchaus lesens- und bedenkenswerten Artikel von Leonard Bartussek.

Vom eigenen Musizieren leben zu können, ist leider nur einer Minderheit vergönnt: den Lang Langs und David Gerrits dieser Welt und den festangestellten, gewerkschaftlich organisierten und somit weitgehend sozial abgesicherten Orchestermusikern und Chorsängern der institutionalisierten Ensembles (die ihr Glück manches Mal, so scheint es mir, gar nicht fassen können). Für die allermeisten Berufsmusiker ist das Musizieren tatsächlich ein Nebenjob und wird es wohl auch bleiben – mit allen Unzumutbarkeiten, die Bartussek zu Recht ankreidet.

Angesichts der Fülle bestens ausgebildeter Musiker, die alle Exzellenzstudiengänge durchlaufen haben und nun auf Engagements hoffen, mag sich so mancher Hochschulprofessor, der sich für weniger als die Betreuung eines Konzertexamensstudiengangs zu schade ist, gelegentlich die Sinnfrage seines eigenen Tuns stellen. – Der Hauptberuf des professionellen Musikers ist das Unterrichten – die Vermittlung seiner Kenntnisse und Fähigkeiten an die folgenden Generationen von Musikern und Zuhörern. Wer, bitte, soll denn in Zukunft ein Vivaldi-Konzert anhören, eine zweistündige Bruckner-Sinfonie oder sechsstündige Wagner-Aufführung über sich ergehen lassen, wenn er oder sie als Kind und Jugendlicher nicht ein paar Jahre selbst unter qualifizierter Anleitung(!) Blockflöte oder Violine gelernt, am Klavier gesessen oder im Chor gesungen hat. Small Talk und Champagner bekommt man inzwischen andernorts billiger und bequemer als in der Konzert- oder Opernpause.

Hier, in der Musikausbildung, liegt der eigentliche Skandal: Lobreden aus allen Ecken des politischen Spektrums, mehr oder weniger sinnvolle Projekte, wie Jedem Kind ein Instrument, JeKiss oder Bündnisse für Bildung. Doch zugleich muss ein Großteil der Musikschullehrkräfte, die diese Jobs stemmen, auf Honorarbasis freischaffend arbeiten. – Wohl gemerkt: allesamt überdurchschnittlich begabte, hochqualifizierte Musikerinnen und Musiker leben von einem Stundensatz (à 45 Minuten) von 20 bis 25 Euro brutto. Das eine oder andere Honorar von 150 Euro für einen Orchesterjob (wenn es denn so viel ist!) kommt da gerade recht: als Nebeneinkunft!

Ich kann als Musikschulleiter und -lehrer heute keinem meiner Schüler guten Gewissens ein Musikstudium empfehlen. Und tatsächlich verlieren wir immer wieder sehr gute, eigentlich hoch motivierte Kolleginnen und Kollegen, die aufgrund fehlender Berufsperspektiven resignieren und sich umorientieren, ehe es zu spät ist. Doch wenn wir als wohlhabende Gesellschaft es nicht schaffen, die Begeisterung für Musik in einem gesicherten Rahmen weiterzugeben, wird der Nachwuchs auf und besonders vor der Bühne ausbleiben. Dann ist es irgendwann egal, was aus Bachs Manuskripten wird – die sind ohnehin digitalisiert…

Dr. phil. Ingo Negwer (Musikschulleiter und Lautenist)


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