Tage Alter Musik in Herne (12.-15.11.2009)

Barocke Klangvielfalt und Musik für Damen

von Ingo Negwer


Erstmals boten die Tage Alter Musik in Herne  im Rahmen eines Familienkonzerts Studierenden des Studienbereichs Alte Musik der Hochschule für Musik und Tanz Köln ein eigenes Podium. Unter der Leitung von Prof. Richard Gwilt gaben die jungen Nachwuchsmusiker einen Einblick in die klangliche Vielfalt der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Mit Werken von Dario Castello, François Couperin, Joseph Bodin de Boismortier, Jean-Marie Leclaire und Johann Christoph Pepusch demonstrierten sie die damalige Aufführungspraxis  variabler Besetzungen nicht nur der Generalbassgruppe, hier mit Susanne Herre (Viola da Gamba),  Avital Reshef (Theorbe) und Kanoko Miyazaki (Cembalo). Auch die Melodieinstrumente konnten mit verschiedenen Instrumenten ausgeführt werden, was zu immer neuen Klangkombinationen führte. Mareike Faber (Traversflöte), Lena Riedlinger (Block- und Traversflöte), Johanna Klein (Blockflöte und Fagott), Beatrice Lignon und Josep Martinez Reinoso (Violine) erfüllten diese Aufgaben virtuos und mit souveränem Stilgefühl.

Dem professionellen Nachwuchs im Rahmen dieses international renommierten Festivals ein Forum zu bieten, ist eine ausgezeichnete Idee der Stadt Herne, die man in Zukunft weiterverfolgen sollte. Die Verantwortlichen sollten sich auch nicht davon entmutigen lassen, dass dieses erste Familienkonzert durchaus mehr Publikumsresonanz verdient hätte. Immerhin waren doch zahlreiche Kinder mit ihren Eltern am frühen Samstagnachmittag in das Kulturzentrum gekommen. Und dass ihnen das sehr unterhaltsam von Prof. Gwilt moderierte Konzert gefallen hat, zeigte der lang anhaltende Schlussapplaus. Und vielleicht findet dieser Programmpunkt der Tage Alter Musik ja auch noch die Unterstützung des WDR...

"Musique des Dames" - Musik für Damen - nannte die Hamburger Ratsmusik ihre Matinée am Sonntag. Violine zu spielen, oder gar die große, zwischen den Beinen gehaltene Viola da Gamba, galt im Barock als nicht schicklich für Frauen. Also verlegte frau sich auf die Diskantgambe oder auf ihren kleineren, zarten Bruder, den Pardessus de Viole. Beide Instrumente konnten mit weniger Aufsehen erregenden Gesten auf dem Schoß gehalten und gespielt werden.

Insbesondere französische Komponisten, deren Namen heute nur noch Fachleuten geläufig sein dürften, haben für diese kleinen Gamben eine im besten Sinne "feine" Solomusik geschrieben. Simone Eckert, auf der Diskantgambe und dem Pardessus ebenso virtuos und technisch perfekt, wie auf der Viola da Gamba, stellte eine erlesene Auswahl dieser Raritäten vor. Ulrich Wedemeier (Theorbe, Barockgitarre) und Michael Fuerst (Cembalo) komplettierten die intime Besetzung der Hamburger Ratsmusik.

Zum Auftakt erklang Thomas Marcs Sonate d-Moll für Diskantgambe und Basso continuo, anschließend Jean Barrières Sonate e-Moll aus den "Sonates pour le Pardessus de Viole" (Paris um 1748). Der Ton des Pardessus erinnert in der Tat an den der Violine, ist aber sehr viel weicher und introvertierter. Ulrich Wedemeier gab mit zwei Kompositionen von Robert de Visée ein kleines Intermezzo auf der Theorbe, ehe der Pardessus de Viole mit reizvollen Charakterstücken von  Pierre Hugard de Saint-Guy wieder zu Wort kam (Suite D-Dur aus der Sammlung "La Toilette", Paris um 1760).

Den Schlusspunkt setzte die "große" Viola da Gamba, begleitet von Cembalo und Barockgitarre: Antoine Forquerays Sonate G-Dur ist ein hoch virtuoses Werk aus der Spätzeit der Gambenliteratur. Hier darf sich dieses bald danach  in einen Dornröschenschlaf versinkende Instrument noch einmal von seiner besten Seite zeigen! Forqueray hat die Sammlug der "Pièces de Viole" (Paris 1745) übrigens der Prinzessin Henriette Anne de France gewidmet, die selbst die Viola da Gamba spielte und sich mit "ihrem" Instrument ebenso selbstbewusst wie provokant malen ließ (Jean-Marc Nattier, Madame Henriette mit Gambe. Musée de Versailles).


LogoGEBarock.JPG (2491 Byte)

zurück

Kontakt

Copyright 2009 by Ingo Negwer